Woher kommt eigentlich der Chuncho Cacao?
Eine Reise über die Anden ins Tal vom Urubamba Fluss
„Woher kommt der Cacao eigentlich genau her? Was macht ihn besonders und wie wird er angebaut?“ Viele von euch stellen mir immer wieder diese Fragen, und deshalb gehen wir in diesem Blog Artikel auf eine Reise – genau dorthin, wo der Chuncho-Cacao seinen Ursprung hat.
Mir ist Cacao zum ersten Mal mitten in der Pandemie begegnet. Damals, in Zeiten von Lockdowns und Quarantänen, bin ich durch meine Yogalehrerin auf Cacao gestoßen. Ich habe angefangen, ihn regelmäßig zu trinken und über die ersten paar Monate hinweg habe ich immer mehr gespürt, wie viel sich in mir verändert. Ich wurde neugierig, denn hey – Schokolade kennen wir doch eigentlich alle, aber mit dieser Art von 100% Cacao tat sich auf verschiedenen Ebene etwas in mir. Ich hab mich innerlich hingezogen gefühlt zu den Ländern und Kulturen, die Cacao in seiner reinen, puren Art seit tausenden von Jahren wertschätzen.
Eine mexikanische Freundin, die inzwischen in Peru lebt, hat mich dann ein wenig später nach Peru eingeladen, sie dort zu besuchen. Die Intention dieser Reise 2023 war jedoch nicht, dass daraus irgendwann „illumina cacao“ entstehen würde, sondern vielmehr aus purer Neugier, um mehr über Cacao und die Kulturen vor Ort zu lernen.
Und so bin ich dann im März 2023 nach Peru gereist und war nach unterschiedlichen Stationen mit einem peruanischen Freund in Cusco. Ich wollte damals verstehen, wie und wo der Cacao dort eigentlich genau wächst – und ehrlicherweise wusste ich zu diesem Zeitpunkt über diese spezielle Sorte, den Chuncho-Cacao, noch nichts. Auf der Reise hatte mir nur jemand von der Gegend erzählt.
Von Cusco über die Anden: Eine Fahrt durch die Wolken
Cusco Stadt war also unser Startpunkt. Die Stadt liegt für europäische Verhältnisse sehr hoch, auf knapp 3.700 Metern. Und dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Symptome von Höhenkrankheit erfahren. Mit einem Mietwagen sind wir auf zwei Etappen von Cusco aus ins Urubamba-Tal gefahren – einmal komplett über die Anden hinweg.
Eindrücke aus Cusco, Peru:



Die Strecke in Richtung Urubamba-Tal war gerade einmal gut 300 Kilometer lang, doch aufgrund der Serpentinen zieht sich die Fahrt – Google Maps berechnet für die gesamte Fahrtzeit etwa 8 Stunden. Dabei fährt man von der ohnehin schon kahlen Hochebene Cuscos noch weiter hinauf, einmal über die Anden drüber, auf über 4.200 Meter Höhe. Auf dieser Höhe oben wächst fast gar nichts mehr und die Landschaft ist super karg und es ist recht kalt. Man fährt buchstäblich durch die Wolken hindurch, was ein wunderschönes Erlebnis war auf dieser Reise zum Cacao. Die wenigen süßen Lamas, die man dort oben in der Mitte vom Nirgendwo sieht, finden kaum Nahrung und sind oft sehr mager.




Vom kargen Hochland in den satten Regenwald
Aber dann passiert etwas Magisches: Man fährt diese 4.200 Höhenmeter langsam in Serpentinen wieder hinunter. Und mit jedem Meter, den man tiefer rollt, kehren Flora und Fauna zurück. Es wird farbenfroher, bunter und lebendiger.
Am Ende landet man quasi mitten im Regenwald. Das Klima dort unten ist tropisch, angenehm warm und feucht. Hier, im Urubamba-Tal, das vom gleichnamigen Fluss durchzogen und bewässert wird, wächst in dieser unglaublich satten Landschaft der Chuncho Cacao. Wir hatten für die Fahrt einen zweitägigen Trip mit einer Übernachtung im Ort Quillabamba eingeplant, bevor wir ganz tief ins Tal hineinfuhren. Und obwohl sich die Landschaft komplett verändert hatte, befanden wir uns nach wie vor noch im Bundesstaat Cusco.
Begegnungen vor Ort: KleinbäuerInnen, Mischkulturen und die Kraft der Kooperativen
Neben dem Tourismus ist die Landwirtschaft eines der wichtigsten Standbeine für Peru. Vor Ort konnten wir einige Familien direkt besuchen, die teilweise seit mehreren Generationen Cacaobäume bewirtschaften. Der Cacao wächst dort in Mischwäldern mit unterschiedlichen Bäumen und Pflanzen. Es gibt keine großen Monokulturen, wie wir es beispielsweise aus Deutschland von riesigen Rapsfeldern kennen. Die Klein- und KleinstbäuerInnen, die wir besuchten, haben oft nur wenig Land und ein paar Cacaobäume. Sie bauen den Chuncho-Cacao in einer Mischkultur an – er wächst in einem sattgrünen Wald ganz natürlich zusammen mit Papayas, Kaffeepflanzen, Kurkuma, Ingwer und Yuka, die tief im Boden wurzeln.
Für den Cacaobaum ist dieses Zusammenspiel enorm wertvoll: Große Waldbäume spenden dem jungen Cacao in seinen ersten Jahren wichtigen Schatten. Wenn der Cacaobaum dann selbst groß und alt ist, spendet er wiederum Schatten für andere Pflanzen wie Kaffee, Kurkuma oder Ingwer. In der Region stehen sehr alte Chuncho-Bäume, manche von ihnen sind über 150 Jahre alt und tragen nach wie vor Früchte.


Die meisten Cacao-BäuerInnen sind keine professionellen Landwirte und haben nie eine Agrarschule besucht. Das Wissen wird einfach von Generation zu Generation weitergegeben. Umso elementarer ist die Bildung, die sie über lokale Kooperativen erhalten. Warum solche Genossenschaften unverzichtbar sind? In Peru besitzen KleinstbäuerInnen im Durchschnitt nur 2 bis 3 Hektar Land (in anderen Ländern oft sogar nur 0,3 bis 0,5 Hektar). Mit so kleinen Mengen haben sie allein keinen direkten Marktzugang – sie könnten ihren Cacao nicht selbst an internationale Käufer verkaufen. Gerade bei Cacao hängt die Qualität stark von einer zentralisierten Fermentation ab; winzige Erntemengen könnte man allein gar nicht ordentlich fermentieren. Der andere Weg wäre, dass sie den Cacao unfermentiert in der Sonne trocknen und auf der Straße billig an Zwischenhändler verkaufen, wo er dann in minderwertigen Massenmischungen („Bulks“) landet.
Die Kooperative ist also der direkte Weg zum Markt. Ich habe selbst vor Ort gesehen, dass all die heutigen bürokratischen und finanziellen Anforderungen von den kleinen Familien gar nicht gestemmt werden könnten. Nur über eine Kooperative können KleinbäuerInnen beispielsweise Bio-zertifiziert werden – für eine Einzelperson wäre das unbezahlbar. Außerdem übernehmen die Kooperativen die aufwendige Dokumentation für die Entwaldungsverordnung der EU. Auch für die sogenannte Due Diligence (unternehmerische Sorgfaltspflicht) und Traceability (Rückverfolgbarkeit) ist die Kooperative der einzig machbare Weg.
Die Kooperative unterstützt die BäuerInnen also nicht nur dabei, ihren Cacao überhaupt vermarkten zu können, sondern sorgt auch für essenziellen Wissenstransfer: Wie erkennt und behandelt man Krankheiten an Bäumen frühzeitig? Wie stellt man Bio-Dünger selbst her? Der größte Hebel für ein echtes Living Income (ein existenzsicherndes Einkommen) liegt genau in dieser Zusammenarbeit: Es werden faire Preise bezahlt, die deutlich über dem internationalen Marktpreis liegen. Gepaart mit den Schulungen lernen die BäuerInnen, wie sie im Einklang mit der Natur nachhaltig gute Erträge erzielen können. Der Chuncho Cacao stammt von der Kooperative Alto Urubamba.


Die reifen, gelben Chuncho-Cacaofrüchte werden mit Gartenscheren oder Macheten direkt vom Stamm geerntet. Im Vergleich zu vielen uns bekannten Bäumen trägt ein Cacaobaum seine Blüten und auch Früchte direkt am Stamm oder an älteren dicken Ästen.
Wenn man eine frische Cacaoschote öffnet, sieht man die Samen des Baumes, die wir später als Cacaobohnen bezeichnen. Frisch sind diese Samen noch geschmacklich nicht vergleichbar mit dem uns bekannten Schokoladen-Geschmack. Sie sind umhüllt von einem süßen, saftig-klebrigen Fruchtfleisch, das man direkt abknabbern kann ähnlich wie bei einer Litschi. Dieses Fruchtfleisch, der Mucilago, wird vor Ort auch als Saft verarbeitet und enthält zahlreiche Vitamine und Mineralien. Für uns in Europa ist es oftmals nur schwer, an eine frische Cacaofrucht zu gelangen, da der Fermentationsprozess direkt nach der Ernte im Inneren der Cacaofrucht beginnt. Anders als bei anderen Früchten wie beispielsweise Bananen, die unreif geerntet werden können und dann über Wochen hinweg auf der Reise nach Europa nachreifen, kann Cacao nur reif geerntet werden – und der Fermentationsprozess des süßen Fruchtfleisches beginnt sofort.


Ob und wann eine Frucht reif ist, können die BäuerInnen vor Ort oftmals nicht genau erklären – sie spüren es.
Durch den späteren Fermentationsprozess, währenddessen die natürlichen Zucker im süßen Fruchtfleisch fermentieren, entstehen dann die uns bekannten schokoladigen Geschmacksnoten.


Koribeni und die Machiguenga
Im Urubamba Tal lebt auch die indigene Community in Koribeni, die den Machiguenga angehören. Auch sie bauen den Chuncho-Cacao schon sehr lange an. Der Cacao ist in ihrer Kultur tief verankert, wenn auch nicht in der klassisch-zeremoniellen Form, wie man es vielleicht von den Maya oder Inka kennt.
Mit Ubaldina stehe ich bis heute noch in Kontakt. Ubaldina ist eine beeindruckende Frau, geboren am 12. Januar 1979 in Koribeni. 2014 übernahm sie das Amt der Gemeindeschatzmeisterin und 2015 wurde sie zur ersten weiblichen Anführerin (Jefa) der Gemeinschaft ernannt. Dort begann ihre Führungsrolle so richtig. 2019 war sie Friedensrichterin und später Präsidentin der Vereinigung. 2022 kümmerte sie sich um ein Frauenstipendium, und von April 2024 bis 2026 ist sie Präsidentin der Cacao-Frauenvereinigung in Koribeni. Ubaldina hat im Laufe ihres Werdegangs enormes Leadership und Empowerment bewiesen und als erste weibliche Jefa ihrer Gemeinschaft einen echten Wendepunkt markiert.

Koribeni ist eine indigene Gemeinschaft im peruanischen Amazonasgebiet, genauer gesagt im Distrikt Echarati, Provinz La Convención, Cusco. Sie ist bekannt dafür, eine der ersten indigenen Gemeinschaften zu sein, die sich in dieser Gegend niederließen. Gegründet wurde die Gemeinschaft einst von nur 6 Machiguenga-Familien unter der Führung von Curaca Manuero Seri; heute leben hier über 200 Familien. Ihr Name stammt aus einer Verbindung von Quechua (Kori = Gold) und Machiguenga (Beni = Fluss). Traditionell leben sie von Fischerei, Jagd und Subsistenzwirtschaft.
Die Landwirtschaft, insbesondere der Anbau von Chuncho-Cacao, ist zu einer Haupteinnahmequelle geworden. Der Verkauf ist mittlerweile ein fester Bestandteil von Wirtschaft, Ernährung und Kultur. Die Familien bewirtschaften kleine Plantagen, teils schon über Generationen. Die Region, besonders nahe den Flüssen, bietet mit ihren fruchtbaren Böden ideale Bedingungen für den Cacaoanbau. Zu den Haupteinnahmequellen gehören heute Cacao, Kaffee und Holz, und in jüngster Zeit auch Handwerk und Schokolade, vorangetrieben durch die Vereinigung der Unternehmerinnen.
Ursprünglich lebten die Machiguenga primär als Jäger und Sammler. Doch mit dem Rückgang von Wildtieren und wilden Früchten konzentrieren sie sich heute stärker auf den Anbau von Bananen, Zuckerrohr, Papayas und eben Cacao – primär für den Eigenbedarf, aber auch als extrem wichtiges wirtschaftliches Standbein, um ihre Gemeinschaft zu versorgen.
Die Gemeinschaft von Koribeni pflegt ihre eigenen kulturellen Praktiken und Traditionen, inklusive ihrer indigenen Sprache. Als Teil der reichen kulturellen und ethnischen Vielfalt des peruanischen Amazonasgebietes spielen sie eine wichtige Rolle beim Erhalt der Biodiversität und der Ökosysteme der Region. Das zeigt sich nicht nur in der traditionellen Landwirtschaft, sondern auch darin, dass sich die Community aktiv in Aufforstungs-Projekten engagiert, um die Natur und ihre Heimat nachhaltig zu schützen.
Verarbeitung des Cacaos vor Ort
Der Chuncho Cacao wird somit von Klein- und KleinstbäuerInnen angebaut, unter ihnen Indigene. Er wird vor Ort von den Menschen ebenfalls sehr geschätzt und genutzt und kann auf den lokalen Märkten gekauft werden. Anders als andere Cacaosorten, die rein dem Export dienen, wird der Chuncho also lokal vor Ort und international genutzt.
Seine Verarbeitung findet vor Ort statt, geleitet durch die Kooperative Alto Urubamba, wodurch BäuerInnen profitieren und Fermentationsprozesse möglich gemacht werden können.
Durch diese Verarbeitung direkt in Peru bleibt der Großteil des Wertes direkt in Peru und unterstützt somit die peruanische Wirtschaft und Bevölkerung, die durch die Pandemie und politische Unruhen in den Jahren 2022 und 2023 sehr gelitten haben.
Reise zur Ernte im März 2027
Im März wird es für mich wieder nach Peru gehen – nach über drei Jahren, in denen illumina cacao und auch ich sehr gewachsen sind, freue ich mich riesig, die Menschen vor Ort wieder zu sehen und zugleich nochmal mehr über Cacao zu lernen.
Ich freu mich drauf, euch mit Fotos und Videos ein wenig mit auf die Reise zu nehmen.
Heike